Unter - Emmental vom 08.05.2008
«Die gute Seele des Oberwalds»
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Erika Jenzer ist seit 16 Jahren die gute Seele im Ferienheim Oberwald und für die Kinder die «beste Köchin der Welt».
Erika Jenzer, Ferienheim Oberwald, Dürrenroth. Für Küche und Kinderseelen ist Erika Jenzer die beste Hausmutter, die man sich wünschen kann. Das Ferienheim Oberwald in Dürrenroth lädt zum Lernen, Auftanken und Festen – und feiert heuer sein 100-jähriges Bestehen.
Es ist kurz vor 12 Uhr, doch die Köchin sitzt seelenruhig auf dem Holzbänkli vor der weissen Hauswand, trinkt Kaffee, löst ein Sudoku und wartet auf fast 20 hungrige Gäste. Im Oberwald, einer grünen Oase drei Kilometer vom Dorf Dürrenroth entfernt, hat die Saison begonnen. «Das Bänkli ist mein Lieblingsplatz», sagt Erika Jenzer und zeigt über die hügelige Landschaft, wo der Blick bis zu den Glarner Alpen hin reicht. Die Bützbergerin ist die «Mutter» des Oberwalds. Sie leitet seit 16 Jahren mit Herzblut das Langenthaler Ferienheim. Den Besuch des «Unter-Emmentaler» nimmt sie gelassen. Viele hätten jetzt wohl keine Zeit gehabt, nicht aber Erika Jenzer, die unkompliziert und bestens vorbereitet ist. Die 49-Jährige lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen.
Salat, aber kein Gemüse
Kurze Zeit später steht sie hinter ihren Schüsseln und schöpft Gulasch und Spätzli auf die Teller einer Schar erwartungsvoller Kinder und Jugendlicher, die in den Esssaal stürmt. «Mmhh», tönt es ringsum. «Knöpfli sind meine Lieblingsspeise», schwärmt Melissa, eines der Kinder aus Eggiwil, die mit ihrem Lehrer Marc Baumeler die Projektwoche im Oberwald verbringen. «Gemüse müssen die Kinder bei mir nicht essen», schmunzelt Erika Jenzer. Täglich komme hingegen Salat auf den Tisch, den sie bei einer 83-jährigen Roggwilerin holt, die extra für den Oberwald anpflanzt. Und anstelle von Coca gibts Kräutertee, zubereitet mit feiner Apfelmünze aus dem Garten der Wyssacherin Marianne Heiniger. Alles andere kauft Erika Jenzer in Dürrenroth ein. So sage ihr die Metzgersfrau auch mal, wenn das Rind «geflüchtet» sei und das Fleisch zuviel Adrenalin enthalte, berichtet die Köchin. «Wenn es die Erika nicht gäbe, müsste man sie erfinden», lobt Ruth Röthlisberger von der Dürrenrother Metzgerei.
«Die beste Köchin der Welt»
Einkaufen ist für die gelernte Lebensmittelverkäuferin kein Problem. In die Küche kam sie aber durch Zufall. Sie arbeitete insgesamt 14 Jahre im Langenthaler Gastgewerbe, zuerst in der «Spanischen Weinhalle», anschliessend im «Sternen», bis ihr die Gäste auf den «Wecker» gingen. «Nein, das kann es nicht sein», sagte sie sich. Als sie von ihrem Verleider erzählte, sass gerade der damalige Stiftungsratspräsident des Ferienheims Oberwald im «Sternen» und heuerte sie als Köchin an. «Ich und kochen?», habe sie ungläubig gefragt. Erika Jenzer hat es gelernt. Lachend erinnert sie sich: «Dank meiner Mutter, einer Köchin, reichte jeweils ein Telefon, damit der angebrannte Risotto geniessbar und das ‹Sösseli› wieder cremig wurden.» Und die Frau, die von sich sagt, sie hätte keine Ahnung vom Kochen gehabt, bereitet alle Jahre einen Brunch für rund 200 Personen mit heisser Hamme, Rösti und selbstgemachten Züpfen zu. Dieses Jahr wird der Brunch etwas ganz Besonderes sein, er wird Teil der 100-Jahr-Feier Ende Juni. Mittlerweile ist Erika Jenzer nicht nur eine passionierte Köchin, sondern für «ihre Kinder» gar «die beste Köchin der Welt». Zahlreiche Urkunden und Bilder an den Wänden des Aufenthaltsraumes im Ferienheim sowie liebevolle Eintragungen im Gästebuch erzählen hundertfach davon.
Herzlich und offen
«Die Kinder liebten sie vom ersten Augenblick an», lobt Lehrer Baumeler. Ihre Herzlichkeit zeichne sie aus. «Ich nehme jedes Kind so wie es ist», berichtet Erika Jenzer, die es schätzt, wenn man genau so offen mit ihr umgeht, wie sie es macht. «Sie findet das Gleichgewicht zwischen Respekt und Liebe», sagt Lars Schlapbach, der Verwalter des Ferienheims, von der Single-Frau, die mit zwei Brüdern auf einem Bauernhof in Bützberg aufgewachsen ist. Die «Mutter des Oberwalds» ist aber nicht nur gerne in der Küche, sie begeistert sich auch noch immer für Eishockey. Für Spiele des SC Bern und Rapperswil fährt sie mit ihrer Freundin Käthi Guyaz auch schon mal kurzerhand mit dem Auto bis ins Tessin.
Immer wieder «Chupa-Chups»
In der Küche trocknen derweil Miquel und Lee-Roy Teller und Besteck ab, den Rest besorgt der Geschirrspüler. Und bevor die Köchin ihre Siesta hält, gibt es für die eifrigen Küchenhilfen «Chupa-Chups», das ist eine der schönen Traditionen, seit fast 16 Jahren. «Erika ist die gute Seele des Oberwalds», sagt Lehrer Armin Flükiger, Präsident der Stiftung Oberwald und Schulleiter des Kreuzfeldes I. Die Katzenliebhaberin fährt während der Saison täglich ins Ferienheim, wechselt das Bettzeug, räumt auf und putzt – vor allem aber verwöhnt sie ihre Gäste mit ihren Kochkünsten. Im Winter, und das ist der bittere Teil ihres Engagements, ist die Hausmutter arbeitslos. «Bevor mir die Decke auf den Kopf fällt, fahre ich hierher.» Dann sitzt Erika Jenzer auf dem Bänkli, atmet tief die kalte Luft ein, die aus der Küche strömt, und tankt neue Kraft. «Denn in diesem Haus wohnt die Energie der Kinder.»
Elsbeth Anliker
