Unter - Emmental vom 08.05.2008

Posted by cheesmike on Jun 4th, 2008

«Die gute Seele des Oberwalds» 

Link zu Homepage: Unter - Emmentaler
 
Erika Jenzer ist seit 16 Jahren die gute Seele im Ferienheim Oberwald und für die Kinder die «beste Köchin der Welt». 
  
Erika Jenzer, Ferienheim Oberwald, Dürrenroth. Für Küche und Kinderseelen ist Erika Jenzer die beste Hausmutter, die man sich wünschen kann. Das Ferienheim Oberwald in Dürrenroth lädt zum Lernen, Auftanken und Festen – und feiert heuer sein 100-jähriges Bestehen.
Es ist kurz vor 12 Uhr, doch die Köchin sitzt seelenruhig auf dem Holzbänkli vor der weissen Hauswand, trinkt Kaffee, löst ein Sudoku und wartet auf fast 20 hungrige Gäste. Im Oberwald, einer grünen Oase drei Kilometer vom Dorf Dürrenroth entfernt, hat die Saison begonnen. «Das Bänkli ist mein Lieblingsplatz», sagt Erika Jenzer und zeigt über die hügelige Landschaft, wo der Blick bis zu den Glarner Alpen hin reicht. Die Bützbergerin ist die «Mutter» des Oberwalds. Sie leitet seit 16 Jahren mit Herzblut das Langenthaler Ferienheim. Den Besuch des «Unter-Emmentaler» nimmt sie gelassen. Viele hätten jetzt wohl keine Zeit gehabt, nicht aber Erika Jenzer, die unkompliziert und bestens vorbereitet ist. Die 49-Jährige lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

Salat, aber kein Gemüse
Kurze Zeit später steht sie hinter ihren Schüsseln und schöpft Gulasch und Spätzli auf die Teller einer Schar erwartungsvoller Kinder und Jugend­licher, die in den Esssaal stürmt. «Mmhh», tönt es ringsum. «Knöpfli sind meine Lieblingsspeise», schwärmt Melissa, eines der Kinder aus Eggiwil, die mit ihrem Lehrer Marc Baumeler die Projektwoche im Oberwald verbringen. «Gemüse müssen die Kinder bei mir nicht essen», schmunzelt Erika Jenzer. Täglich komme hingegen Salat auf den Tisch, den sie bei einer 83-jährigen Roggwilerin holt, die extra für den Oberwald anpflanzt. Und anstelle von Coca gibts Kräutertee, zubereitet mit feiner Apfelmünze aus dem Garten der Wyssacherin Marianne Heiniger. Alles andere kauft Erika Jenzer in Dürrenroth ein. So sage ihr die Metzgersfrau auch mal, wenn das Rind «geflüchtet» sei und das Fleisch zuviel Adrenalin enthalte, berichtet die Köchin. «Wenn es die Erika nicht gäbe, müsste man sie erfinden», lobt Ruth Röthlisberger von der Dürrenrother Metzgerei.

«Die beste Köchin der Welt»
Einkaufen ist für die gelernte Lebensmittelverkäuferin kein Problem. In die Küche kam sie aber durch Zufall. Sie arbeitete insgesamt 14 Jahre im Langenthaler Gastgewerbe, zuerst in der «Spanischen Weinhalle», anschliessend im «Sternen», bis ihr die Gäste auf den «Wecker» gingen. «Nein, das kann es nicht sein», sagte sie sich. Als sie von ihrem Verleider erzählte, sass gerade der damalige Stiftungsratspräsident des Ferienheims Oberwald im «Sternen» und heuerte sie als Köchin an. «Ich und kochen?», habe sie ungläubig gefragt. Erika Jenzer hat es gelernt. Lachend erinnert sie sich: «Dank meiner Mutter, einer Köchin, reichte jeweils ein Telefon, damit der angebrannte Risotto geniessbar und das ‹Sösseli› wieder cremig wurden.» Und die Frau, die von sich sagt, sie hätte keine Ahnung vom Kochen gehabt, bereitet alle Jahre einen Brunch für rund 200 Personen mit heisser Hamme, Rösti und selbstgemachten Züpfen zu. Dieses Jahr wird der Brunch etwas ganz Besonderes sein, er wird Teil der 100-Jahr-Feier Ende Juni. Mittlerweile ist Erika Jenzer nicht nur eine passionierte Köchin, sondern für «ihre Kinder» gar «die beste Köchin der Welt». Zahlreiche Urkunden und Bilder an den Wänden des Aufenthaltsraumes im Ferienheim sowie liebevolle Eintragungen im Gästebuch erzählen hundertfach davon.

Herzlich und offen
«Die Kinder liebten sie vom ersten Augenblick an», lobt Lehrer Baumeler. Ihre Herzlichkeit zeichne sie aus. «Ich nehme jedes Kind so wie es ist», berichtet Erika Jenzer, die es schätzt, wenn man genau so offen mit ihr umgeht, wie sie es macht. «Sie findet das Gleichgewicht zwischen Respekt und Liebe», sagt Lars Schlapbach, der Verwalter des Ferienheims, von der Single-Frau, die mit zwei Brüdern auf einem Bauernhof in Bützberg aufgewachsen ist. Die «Mutter des Oberwalds» ist aber nicht nur gerne in der Küche, sie begeistert sich auch noch immer für Eishockey. Für Spiele des SC Bern und Rapperswil fährt sie mit ihrer Freundin Käthi Guyaz auch schon mal kurzerhand mit dem Auto bis ins Tessin.

Immer wieder «Chupa-Chups»
In der Küche trocknen derweil Miquel und Lee-Roy Teller und Besteck ab, den Rest besorgt der Geschirrspüler. Und bevor die Köchin ihre Siesta hält, gibt es für die eifrigen Küchenhilfen «Chupa-Chups», das ist eine der schönen Traditionen, seit fast 16 Jahren. «Erika ist die gute Seele des Oberwalds», sagt Lehrer Armin Flükiger, Präsident der Stiftung Oberwald und Schulleiter des Kreuzfeldes I. Die Katzenliebhaberin fährt während der Saison täglich ins Ferienheim, wechselt das Bettzeug, räumt auf und putzt – vor allem aber verwöhnt sie ihre Gäste mit ihren Kochkünsten. Im Winter, und das ist der bittere Teil ihres Engagements, ist die Hausmutter arbeitslos. «Bevor mir die Decke auf den Kopf fällt, fahre ich hierher.» Dann sitzt Erika Jenzer auf dem Bänkli, atmet tief die kalte Luft ein, die aus der Küche strömt, und tankt neue Kraft. «Denn in diesem Haus wohnt die Energie der Kinder.»
Elsbeth Anliker

BZ vom 28.06.2007

Posted by cheesmike on Mrz 9th, 2008

„Oberwald-Mutter“ Erika Jenzer
Nach dem Abtrocknen gibts Chupa Chups

Ihre Feriengäste sind ungezählt, denn für Küche und Kinderseelen ist Erika Jenzer die beste Hausmutter, die man sich wünschen kann. Jetzt ist Hochsaion im Oberwald – einem heimeligen Nest zum Lernen, Auftanken und Festen.    
Sonderbar: Es sitzt die Köchin kurz vor zwölf seelenruhig auf dem Bänkli vor dem Ferienheim. Spielt mit ihrem Handy, löst ein Sudoku, raucht. Und wartet in der Mittagssonne… – auf zwei Dutzend hungrige Gäste?! Typisch Erika Jenzer. Jede andere würde ihre Kochtöpfe jetzt nicht mehr aus den Augen lassen; bestenfalls rasch die Frisur überprüfen, weil sich der Fotograf angemeldet hat. Erika Jenzer aber ist unkompliziert, tipptopp vorbereitet; und das Shirt „wäre nach dem Anrichten sowieso wieder nass“.
Als die Kinder den Esssaal stürmen, ist Erika, wie sie von allen geheissen wird, plötzlich weg…

Essen, kleckern, singen
Ebenso unvermittelt taucht sie wieder auf, stellt sich felsenfest hinter ihre Schüsseln, schöpft einer Horde erwartungsvoller 13-Jähriger Nudeln und Geschnetzeltes. „Mmhh!“, tönts ringsum, während einige ungeniert den Finger ins Rahmsösseli stecken. „He, he“, tadelt Lehrer Matthias Rösti. Und lacht, schliesslich sind solche Tischsitten ein Kompliment an die Köchin. „Oh, i wett i hätti Nüdeli, Spaghetti…“, tönts durch den Raum. Es herrscht eine Stimmung, wie sie in keiner Kleinfamilie aufkommen kann. Erst recht nicht, wo eine Mutter pflichtbewusst auf gesunde Ernährung achtet… „Nein, Gemüse müssen sie bei mir nicht essen“, beantwortet Erika Jenzer die Gewissensfrage. Immerhin mache sie täglich Salat; den holt sie bei

„Bei mir muss kein Kind Gemüse essen. Ich koche nach Wunsch alles - ausser Omeletten, das ist mir zu kompliziert.“ Erika Jenzer

einer 82-jährigen Frau, die extra für den Oberwald gartnet. Alles andere kauft sie unten in Dürrenroth ein. Da sage ihr die Metzgersfrau auch mal, wenn das Rind geflüchtet sei, und das Fleisch zuviel Adrenalin enthalte, erzählt die Köchin, die es schätzt, wenn man genauso offen mit ihr redet, wie sie es macht.

Wunschkonzert
Aus dem Garten von Erikas Mutter kommt die Minze, die sie in 30-Liter Pfannen ziehen lässt und als frischen Kräutertee serviert. Süss. Der Rest ist Wunschkonzert. So haben die Langenthaler 7. Klässler zum Znacht Älplermakkaroni bestellt. Aber vorerst heissts: Ab, in die Küche! Danja, Kevin, Jan und Adriana trocknen Gläser und Besteck ab, den Rest besorgt der Geschirrspüler. Und die Köchin. Ihre letzte Aktion vor der Siesta ist legendär, Erika ist Werbeträgerin des klassischen Schleckstengels - verteilt sie doch den Küchenhilfen seit bald 16 Jahren Chupa Chups.
Wer hätte das gedacht, als sie, die gelernte Lebensmittelverkäuferin, noch im Langenthaler Gastgewerbe arbeitete: Acht Jahre lang in der Spanischen Weinhalle, dann – „eine Herausforderung wegen der speziellen Gäste“ – sechs Jahre im Sternen. Plötzlich aber gingen ihr einige Kostgänger „auf den Geist“, lieber wollte sie in die Fabrik arbeiten gehen als weiterhin servieren. Als sie von ihrem Verleider erzählte, sass gerade der damalige Stiftungsratspräsident vom Oberwald im Sternen - und heuerte sie prompt als Köchin an. „Ich soll kochen?“, habe sie ungläubig gefragt.
Erika Jenzer hats gelernt. Vielleicht, weil sie brühen und bruzzeln darf, was sie selber am meisten mag: Kindermenus. Aber natürlich mussten die 180 Gäste vom letzten Hochzeitsapéro nicht Schnipo essen…  

Mütterlich - und feurig
„Lollipops sind ihr Markenzeichen und mehr als einfach eine Süssigkeit“, sagt Lehrer Armin Flükiger. Der Langenthaler Schulleiter ist überzeugt von den mütterlichen Qualitäten der Single-Frau, der „Seele des Oberwalds“. Erika Jenzer lobt ihrerseits den heutigen Präsidenten der Stiftung Oberwald, der „leider“ keine Klassenlager mehr durchführe… mit Jahrgang 1959 schwärmen wie ein Teenager – die Köchin steht ihren halbwüchsigen Gästen in nichts nach! Auch fällt den Schülern ihre Affinität zu rassigen Autos auf, dazu ihre Begeisterung fürs Eishockey. Spielen der SC Bern oder Rapperswil, ist Erika nicht zu bremsen, fährt mit ihrem …(Erika, was hast du für ein Auto??) und Freundin Käthi bis ins Tessin. Zum Anfeuern? „Dafür bin ich zu alt!“, behauptet sie.
In Stimmung kommt sie auch bei lateinamerikanische Rhythmen; ins Schwelgen, wenn sie sich an die ausgelassene Hochzeit einer Freundin in Spanien erinnert. Sie, die mit zwei älteren Brüdern auf dem Bauernhof in Bützberg aufwuchs, ihre Eltern überreden musste, bis sie „endlich ein Reisli machten“ – sie war immerhin in Johannesburg bei Mutters Schwester („Die Hügel Südafrikas sehen aus wie das Emmental!“). Kurz darauf ist die Tante gestorben. Letzte Weihnacht hat Erika auch den Vater verloren, die Erinnerung macht Augenwasser.

Ihre Lehrer, ihre Kinder
Erika Jenzer hat keine eigenen Kinder, hängt umsomehr an ihrer Arbeit. Keine Klagen über freche Sprüche oder Chaoten? „Ich kanns mit allen gut“, versichert sie ohne Wenn und Aber. Wer Heimweh hat, nimmt sie in den Arm, dann gibt sich auch das wieder. Mit den Lehrkräften ist die Hausmutter ebenfalls zufrieden. Wobei ihr jene am liebsten sind, die das Haus auswendig kennen. So habe ihr etwa Hofers Hans das Seil der Langenthaler Fahne ersetzt, zudem halte dieser Lehrer die Kinder besonders dazu an, wegen der Lättli nicht auf den Betten rumzuhopsen. Auch Lehrer Rösti führt stolz durch zwei Stockwerke - weil es eben auch das Verdienst des Lagerleiters ist, wenn sandgestrahlte Holzwände makellos sauber bleiben. Tatsächlich gibts weder auf der Laube noch in den 12 Zimmern keine Kritzeleien. „Dafür hats natürlich gewachsene Gucklöcher“, verrät der Lehrer augenzwinkernd; und deutet auf winzige Geheimnisse hin – die auch nur spannend sind, weil dieses heimelige Nest weit ab vom Puls der Zeit liegt, weil hier der Spielplatz das Einkauscenter ersetzt, ein Gartenschlauch die Badi, der Münzentee das Cola. 

Das Heimweh
Erika Jenzer hat einen „gottgsägnete Schlaf“ in ihrer Wohnung in Bützberg, bei ihren Katzen Poncho und Micky. Jeden Morgen freue sie sich, etwas machen zu dürfen, das andern Freude bereite. Während der Saison fährt die 48-Jährige täglich ins Ferienheim, wo der Blick bis zu den Glarner Alpen reicht, wenn sie Bettzeug wechselt, aufräumen muss, putzen. Im Winter ist die Hausmutter, und das ist der bittere Teil ihres Engagements, arbeitslos. Zu jener Zeit überkommt sie oft ein diffuses Heimweh.
„Bevor mir die Decke auf den Kopf fällt, fahre ich hierher“, sagt sie. Dann sitzt Erika Jenzer scheinbar seelenruhig auf dem Bänkli. Und wartet doch nur darauf, dass sie aufspringen kann - und nach dem Wunsch der andern anrichten darf.
Marianne Gertsch-Schoch
Vor 100 Jahren
Im Oberwald wurden kränkelnde Kinder „versorgt“

Als 1908 die Bahnlinie Huttwil-Ramsei eröffnet wurde, rechneten die Wirte von Dürrenroth mit Zuzüglern aus dem ganzen Emmental, und Kreuz und Bären bauten einen Theatersaal. Für eine andere Klientel investierte der Wirt vom Oberwald: Johann Friedrich Steffen-Meister (1869 – 1934) hatte vielleicht schon früher Schulkinder während ihrer Ferien einquartiert. Jedenfalls verhandelte Steffen mit dem Ferienversorgungsverein Langenthal. Der Gönnerverein wollte erholungsbedürftigen Kindern Ferien ermöglichen, mietete dazu das vom Wirt in Bau genommene Heim, beteiligte sich am - ebenfalls 1908 eingeweihten – Neubau und erstand dieses Haus 1917 für 20′000 Franken.
Wachte die Lehrerschaft damals noch streng darüber, dass die in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene, oft auch geschwächte Jungmannschaft den ungeliebten Haferbrei auslöffelte, veränderten sich Menu, Manieren und Menschen zusehends. Geblieben sind dem Oberwald eine intakte, paradiesische Umgebung und der friedliche Hausgeist.
Zudem gesellen sich zu Langenthals Schülerschaft Klassenlager aus der ganzen Schweiz, bis zum Kinderchor aus Tschechien; dazu Sportklubs, private Anlässe und ein Basler Altersheim. 1991 komplett umgebaut und neu eingerichtet, steht das bald 100-jährige Haus nämlich mehr denn je allen offen. Dabei wird hier, seit in den 80-er Jahren aus dem Ferienversorgungsverein die Stiftung Ferienheim Oberwald hervorging, längst keiner mehr „versorgt“.  mgs

O-Ton
——————

„Jung und Alt so natürlich, herzlich und einfühlsam begeistern zu können ist eine Gabe Erikas, von der andere nur träumen können.“

Armin Flükiger, Präsident der Stiftung Oberwald und ehemals Lehrer Nummer 1 für Erika Jenzer.

„Das kann sich kein Mensch vorstellen, mit Erika kommt man einfach nicht vorwärts! Auf Schritt und Tritt tönts: ‚Hallo Erika, weisst du noch…?’“ 

Käthi Guyaz, Freundin.

„Liebe Erika, dein Esen ist leker, Susanne.”

… steht auf einem Fresszetteli an der Küchenwand.

„Erika kann gut organisieren und andere zum Helfen überreden. Und sie sagt nie ‚Nein’ - auch beim Festen nicht!“

Uschi Baschung, beste Kollegin für einen Beizenbummel.

„Sie wirkt wie ein Fels in der Brandung. Aber wer sie kennt, weiss, dass Erika einen ganz weichen Kern hat.“

Ruth Zaugg, Bäckerei Lehmann, Dürrenroth.

„Erika kennt alle Namen, es ist phänomenal. Und jedem Kind, das einmal im Oberwald war, bleibt sie ewig im Gedächtnis. An den Lehrer erinnern sich längst nicht alle.“

Hans Hofer, Lehrer; neu Nummer 1 für Erika Jenzer.

Langenthaler Tageblatt vom 04.03.2007

Posted by cheesmike on Mrz 9th, 2008

Die gute Fee vom Oberwald


Erika Jenzer

Seit 15 Jahren leitet die Bützbergerin das Langenthaler Ferienheim in Dürrenroth


„Ich habe zwanzig Kinder“, antwortet die Köchin jeweils, wenn sie eine Landschulklasse nach ihrem Nachwuchs fragt. Erika Jenzer ist die Mutter des Ferienheims Oberwald – und all jener, die sie darin bewirtet.


„In diesem Haus wohnt die Energie der Kinder!“ Erika Jenzer schließt die Augen und atmet tief ein, als möchte sie die kalte Luft, die aus der Küche strömt, für immer in sich behalten. Die Bützbergerin tritt von der Küchentür weg und macht zwei Schritte nach rechts. „Hier, genau hier ist mein Lieblingsplatz“, erklärt sie und steht vor der weißen Hauswand. An dieser Stelle befindet sich im Sommer ihre Holzbank, auf der sie jeweils am Morgen sitzt und die Sonne ihre Füße bräunen lässt, sodass sich bis im Herbst unter den Lederriemen der Birkenstöcke zwei weiße Streifen bilden. Dazu trinkt sie ihren Kaffee und liest den Blick, blinzelt ab und zu auf die leuchtende Alpenkette und lauscht den Kinderstimmen, die aus dem Aufenthaltsraum, vom Morgentisch, nach draußen dringen.


Vom Service an den Herd

Dieses Morgenritual macht Erika Jenzer, wenn es das Wetter zulässt, jeden Morgen, um acht Uhr. Von April bis Oktober, seit 15 Jahren. Solange leitet die heute 48-Jährige das Ferienheim Oberwald. Sie pflegt das Haus, putzt und wäscht, vor allem aber verwöhnt sie ihre Gäste – Schüler und Lehrer, Sportler und Urlauber – mit ihren Kochkünsten. „Wo ich zu Beginn gar nicht kochen konnte“, sagt sie und lacht. Doch die Frau, die jeden Juli ( dieses Jahr am 15.Juli ) einen Brunch mit Rösti, heisser Hamme, selbst gemachter Züpfe und zwei verschiedenen Broten für 200 Personen zubereitet, meint es ernst: „Früher stand ich nie in der Küche.“

Früher, das war, als Erika Jenzer noch als Lebensmittelverkäuferin und dann während vieler Jahre im Service arbeitete. Dann, 1992, spürte sie plötzlich, dass sie eine Veränderung brauchte. Und zum selben Zeitpunkt suchte Peter Baumgartner, der damalige Präsident der Stiftung Oberwald, nach einer neuen Leitkraft für das Ferienheim in Dürrenroth. „Als er mir von der freien Stelle erzählte, dachte ich zuerst nicht im Traum daran, dass das etwas für mich sein könnte“, erinnerst sich die Katzenliebhaberin, die in Bützberg aufwuchs und noch heute dort lebt.


In den Genen

Sehr schnell begann sich dieser Traum dann jedoch abzuzeichnen und noch bevor er eine konkrete Gestalt angenommen hatte, war er Wirklichkeit. „Plötzlich stand ich in dieser Küche und sollte für eine ganze Schulklasse Kartoffelstock machen.“ Dabei hatte sie das Glück, dass ihre Mutter, eine Österreicherin, wie auch schon ihre Grossmutter Köchin war. Ein Telefon reichte jeweils, dass die Spargelsuppe doch noch cremig und der verbrannte Risotto wieder genießbar wurde.

Heute ist Erika Jenzer nicht nur eine passionierte Köchin, sie ist „die beste Köchin der Welt“. Zahlreiche Urkunden und Bilder an den Wänden des Aufenthaltsraumes im Ferienheim Oberwald, bunte Einträge im Gästebuch und gar Mobile aus goldenen Kochkellen verleihen ihr diesen Titel hundertfach. Sie könne besser kochen als die Italiener, schreibt eine Schulklasse aus ihren Ferien im Nachbarsland. „Am schönsten ist es, wenn mich ehemalige Lagergäste auf der Strasse ansprechen und fragen: ‚Hallo Erika, kennst du mich noch?’ Dann schaue ich in die Gesichter dieser erwachsenen Leute und bin unendlich glücklich.“


Briefe voller Erinnerungen

In einer grossen Schublade in der Küche bewahrt die „Profi-Köchin“ alle Briefe von Schülern auf: „Liebe Erika“, schreiben sieben Neuntklässler, „wir müssen dir kurz etwas beichten: Wir waren so durstig nach der Disco, da haben wir aus dem Keller fünf Biere entführt. Herr Christen weiss nichts davon und wir wären froh, wenn er es nie erfahren würde. Bitte sag ihm nichts.“ Erika Jenzer lacht. „Am Abreisetag kam ein Mädchen nach draussen, setzte sich zu mir auf die Bank und gab mir diesen Brief.“ Die ledige Frau nahm den Brief, gab dem Mädchen den „Unkostenbeitrag“ im Brief zurück und schwieg.

„Sie ist die gute Fee im Oberwald“, sagt Armin Flükiger, Präsident der Stiftung Oberwald und Schulleiter des Kreuzfeldes I. Das ganze Jahr über würden sich die Schüler auf die Landschulwoche freuen – doch nicht nur sie: Im Winter schlägt Erika Jenzers Herz zwar für das Eishockey, den SCB; daneben jobt sie meistens temporär und nimmt gerne an Jassmeisterschaften teil. Trotzdem, am meisten freut auch sie sich in dieser Zeit auf den Frühling, auf das Ferienheim, auf ihre Kinder. „Ich liebe die direkte Art, mit der mich die Kinder jung halten.“


Frühlingserwachen

Noch weilt das Ferienheim Oberwald im Winterschlaf. Die Holzbank ist im Keller, die Fensterläden sind geschlossen. Nicht mehr lange. Mitte Monat beginnt Erika Jenzer mit dem Frühlingsputz, anfangs April erwartet sie bereits die ersten Gäste. Dann wird aus der kalten Küche wieder der Duft nach selbst gemachten Spätzli, der Hausspezialität, strömen. Die Schüler werden während dem Abwaschen laute Musik hören dürfen und danach einen Chupa Chups erhalten. Und die beste Köchin der Welt wird die „Energie der Kinder“ tief in sich auftanken.


 
 
Das Langenthaler Ferienheim wird 100

Am äussersten Zipfel der Gemeinde Dürrenroth, zwischen den Dörfern Dürrenroth und Wyssachen, liegt das Ferienheim Oberwald. Das Haus wurde 1908 als Ferienheim erbaut. An der Finanzierung des Neubaus beteiligte sich auch der „Ferienversorgungsverein Langenthal“ – mit dem Ziel, erholungsbedürftigen Kindern im Oberwald Ferien zu ermöglichen. 1917 erwarb der Verein das Haus zu diesem Zweck für 20000 Franken.

Seither dient die einstige Gaststätte als Unterkunft für Sport- und Schülerlager und wird hauptsächlich von Langenthaler Schulen für Landschulwochen benützt. In den achtziger Jahren wurde das Haus umfangreich renoviert. Das Ferienheim mit 31 Betten steht von April bis Oktober Gruppen ab zehn Personen offen und wird heute von der Stiftung Oberwald betrieben. Nächstes Jahr soll mit einem grossen Fest das 100-jährige Bestehen des Hauses gefeiert werden.