BZ vom 28.06.2007

Posted by cheesmike on Mrz 9th, 2008

„Oberwald-Mutter“ Erika Jenzer
Nach dem Abtrocknen gibts Chupa Chups

Ihre Feriengäste sind ungezählt, denn für Küche und Kinderseelen ist Erika Jenzer die beste Hausmutter, die man sich wünschen kann. Jetzt ist Hochsaion im Oberwald – einem heimeligen Nest zum Lernen, Auftanken und Festen.    
Sonderbar: Es sitzt die Köchin kurz vor zwölf seelenruhig auf dem Bänkli vor dem Ferienheim. Spielt mit ihrem Handy, löst ein Sudoku, raucht. Und wartet in der Mittagssonne… – auf zwei Dutzend hungrige Gäste?! Typisch Erika Jenzer. Jede andere würde ihre Kochtöpfe jetzt nicht mehr aus den Augen lassen; bestenfalls rasch die Frisur überprüfen, weil sich der Fotograf angemeldet hat. Erika Jenzer aber ist unkompliziert, tipptopp vorbereitet; und das Shirt „wäre nach dem Anrichten sowieso wieder nass“.
Als die Kinder den Esssaal stürmen, ist Erika, wie sie von allen geheissen wird, plötzlich weg…

Essen, kleckern, singen
Ebenso unvermittelt taucht sie wieder auf, stellt sich felsenfest hinter ihre Schüsseln, schöpft einer Horde erwartungsvoller 13-Jähriger Nudeln und Geschnetzeltes. „Mmhh!“, tönts ringsum, während einige ungeniert den Finger ins Rahmsösseli stecken. „He, he“, tadelt Lehrer Matthias Rösti. Und lacht, schliesslich sind solche Tischsitten ein Kompliment an die Köchin. „Oh, i wett i hätti Nüdeli, Spaghetti…“, tönts durch den Raum. Es herrscht eine Stimmung, wie sie in keiner Kleinfamilie aufkommen kann. Erst recht nicht, wo eine Mutter pflichtbewusst auf gesunde Ernährung achtet… „Nein, Gemüse müssen sie bei mir nicht essen“, beantwortet Erika Jenzer die Gewissensfrage. Immerhin mache sie täglich Salat; den holt sie bei

„Bei mir muss kein Kind Gemüse essen. Ich koche nach Wunsch alles - ausser Omeletten, das ist mir zu kompliziert.“ Erika Jenzer

einer 82-jährigen Frau, die extra für den Oberwald gartnet. Alles andere kauft sie unten in Dürrenroth ein. Da sage ihr die Metzgersfrau auch mal, wenn das Rind geflüchtet sei, und das Fleisch zuviel Adrenalin enthalte, erzählt die Köchin, die es schätzt, wenn man genauso offen mit ihr redet, wie sie es macht.

Wunschkonzert
Aus dem Garten von Erikas Mutter kommt die Minze, die sie in 30-Liter Pfannen ziehen lässt und als frischen Kräutertee serviert. Süss. Der Rest ist Wunschkonzert. So haben die Langenthaler 7. Klässler zum Znacht Älplermakkaroni bestellt. Aber vorerst heissts: Ab, in die Küche! Danja, Kevin, Jan und Adriana trocknen Gläser und Besteck ab, den Rest besorgt der Geschirrspüler. Und die Köchin. Ihre letzte Aktion vor der Siesta ist legendär, Erika ist Werbeträgerin des klassischen Schleckstengels - verteilt sie doch den Küchenhilfen seit bald 16 Jahren Chupa Chups.
Wer hätte das gedacht, als sie, die gelernte Lebensmittelverkäuferin, noch im Langenthaler Gastgewerbe arbeitete: Acht Jahre lang in der Spanischen Weinhalle, dann – „eine Herausforderung wegen der speziellen Gäste“ – sechs Jahre im Sternen. Plötzlich aber gingen ihr einige Kostgänger „auf den Geist“, lieber wollte sie in die Fabrik arbeiten gehen als weiterhin servieren. Als sie von ihrem Verleider erzählte, sass gerade der damalige Stiftungsratspräsident vom Oberwald im Sternen - und heuerte sie prompt als Köchin an. „Ich soll kochen?“, habe sie ungläubig gefragt.
Erika Jenzer hats gelernt. Vielleicht, weil sie brühen und bruzzeln darf, was sie selber am meisten mag: Kindermenus. Aber natürlich mussten die 180 Gäste vom letzten Hochzeitsapéro nicht Schnipo essen…  

Mütterlich - und feurig
„Lollipops sind ihr Markenzeichen und mehr als einfach eine Süssigkeit“, sagt Lehrer Armin Flükiger. Der Langenthaler Schulleiter ist überzeugt von den mütterlichen Qualitäten der Single-Frau, der „Seele des Oberwalds“. Erika Jenzer lobt ihrerseits den heutigen Präsidenten der Stiftung Oberwald, der „leider“ keine Klassenlager mehr durchführe… mit Jahrgang 1959 schwärmen wie ein Teenager – die Köchin steht ihren halbwüchsigen Gästen in nichts nach! Auch fällt den Schülern ihre Affinität zu rassigen Autos auf, dazu ihre Begeisterung fürs Eishockey. Spielen der SC Bern oder Rapperswil, ist Erika nicht zu bremsen, fährt mit ihrem …(Erika, was hast du für ein Auto??) und Freundin Käthi bis ins Tessin. Zum Anfeuern? „Dafür bin ich zu alt!“, behauptet sie.
In Stimmung kommt sie auch bei lateinamerikanische Rhythmen; ins Schwelgen, wenn sie sich an die ausgelassene Hochzeit einer Freundin in Spanien erinnert. Sie, die mit zwei älteren Brüdern auf dem Bauernhof in Bützberg aufwuchs, ihre Eltern überreden musste, bis sie „endlich ein Reisli machten“ – sie war immerhin in Johannesburg bei Mutters Schwester („Die Hügel Südafrikas sehen aus wie das Emmental!“). Kurz darauf ist die Tante gestorben. Letzte Weihnacht hat Erika auch den Vater verloren, die Erinnerung macht Augenwasser.

Ihre Lehrer, ihre Kinder
Erika Jenzer hat keine eigenen Kinder, hängt umsomehr an ihrer Arbeit. Keine Klagen über freche Sprüche oder Chaoten? „Ich kanns mit allen gut“, versichert sie ohne Wenn und Aber. Wer Heimweh hat, nimmt sie in den Arm, dann gibt sich auch das wieder. Mit den Lehrkräften ist die Hausmutter ebenfalls zufrieden. Wobei ihr jene am liebsten sind, die das Haus auswendig kennen. So habe ihr etwa Hofers Hans das Seil der Langenthaler Fahne ersetzt, zudem halte dieser Lehrer die Kinder besonders dazu an, wegen der Lättli nicht auf den Betten rumzuhopsen. Auch Lehrer Rösti führt stolz durch zwei Stockwerke - weil es eben auch das Verdienst des Lagerleiters ist, wenn sandgestrahlte Holzwände makellos sauber bleiben. Tatsächlich gibts weder auf der Laube noch in den 12 Zimmern keine Kritzeleien. „Dafür hats natürlich gewachsene Gucklöcher“, verrät der Lehrer augenzwinkernd; und deutet auf winzige Geheimnisse hin – die auch nur spannend sind, weil dieses heimelige Nest weit ab vom Puls der Zeit liegt, weil hier der Spielplatz das Einkauscenter ersetzt, ein Gartenschlauch die Badi, der Münzentee das Cola. 

Das Heimweh
Erika Jenzer hat einen „gottgsägnete Schlaf“ in ihrer Wohnung in Bützberg, bei ihren Katzen Poncho und Micky. Jeden Morgen freue sie sich, etwas machen zu dürfen, das andern Freude bereite. Während der Saison fährt die 48-Jährige täglich ins Ferienheim, wo der Blick bis zu den Glarner Alpen reicht, wenn sie Bettzeug wechselt, aufräumen muss, putzen. Im Winter ist die Hausmutter, und das ist der bittere Teil ihres Engagements, arbeitslos. Zu jener Zeit überkommt sie oft ein diffuses Heimweh.
„Bevor mir die Decke auf den Kopf fällt, fahre ich hierher“, sagt sie. Dann sitzt Erika Jenzer scheinbar seelenruhig auf dem Bänkli. Und wartet doch nur darauf, dass sie aufspringen kann - und nach dem Wunsch der andern anrichten darf.
Marianne Gertsch-Schoch
Vor 100 Jahren
Im Oberwald wurden kränkelnde Kinder „versorgt“

Als 1908 die Bahnlinie Huttwil-Ramsei eröffnet wurde, rechneten die Wirte von Dürrenroth mit Zuzüglern aus dem ganzen Emmental, und Kreuz und Bären bauten einen Theatersaal. Für eine andere Klientel investierte der Wirt vom Oberwald: Johann Friedrich Steffen-Meister (1869 – 1934) hatte vielleicht schon früher Schulkinder während ihrer Ferien einquartiert. Jedenfalls verhandelte Steffen mit dem Ferienversorgungsverein Langenthal. Der Gönnerverein wollte erholungsbedürftigen Kindern Ferien ermöglichen, mietete dazu das vom Wirt in Bau genommene Heim, beteiligte sich am - ebenfalls 1908 eingeweihten – Neubau und erstand dieses Haus 1917 für 20′000 Franken.
Wachte die Lehrerschaft damals noch streng darüber, dass die in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene, oft auch geschwächte Jungmannschaft den ungeliebten Haferbrei auslöffelte, veränderten sich Menu, Manieren und Menschen zusehends. Geblieben sind dem Oberwald eine intakte, paradiesische Umgebung und der friedliche Hausgeist.
Zudem gesellen sich zu Langenthals Schülerschaft Klassenlager aus der ganzen Schweiz, bis zum Kinderchor aus Tschechien; dazu Sportklubs, private Anlässe und ein Basler Altersheim. 1991 komplett umgebaut und neu eingerichtet, steht das bald 100-jährige Haus nämlich mehr denn je allen offen. Dabei wird hier, seit in den 80-er Jahren aus dem Ferienversorgungsverein die Stiftung Ferienheim Oberwald hervorging, längst keiner mehr „versorgt“.  mgs

O-Ton
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„Jung und Alt so natürlich, herzlich und einfühlsam begeistern zu können ist eine Gabe Erikas, von der andere nur träumen können.“

Armin Flükiger, Präsident der Stiftung Oberwald und ehemals Lehrer Nummer 1 für Erika Jenzer.

„Das kann sich kein Mensch vorstellen, mit Erika kommt man einfach nicht vorwärts! Auf Schritt und Tritt tönts: ‚Hallo Erika, weisst du noch…?’“ 

Käthi Guyaz, Freundin.

„Liebe Erika, dein Esen ist leker, Susanne.”

… steht auf einem Fresszetteli an der Küchenwand.

„Erika kann gut organisieren und andere zum Helfen überreden. Und sie sagt nie ‚Nein’ - auch beim Festen nicht!“

Uschi Baschung, beste Kollegin für einen Beizenbummel.

„Sie wirkt wie ein Fels in der Brandung. Aber wer sie kennt, weiss, dass Erika einen ganz weichen Kern hat.“

Ruth Zaugg, Bäckerei Lehmann, Dürrenroth.

„Erika kennt alle Namen, es ist phänomenal. Und jedem Kind, das einmal im Oberwald war, bleibt sie ewig im Gedächtnis. An den Lehrer erinnern sich längst nicht alle.“

Hans Hofer, Lehrer; neu Nummer 1 für Erika Jenzer.