Langenthaler Tageblatt vom 04.03.2007
Die gute Fee vom Oberwald
Erika Jenzer
Seit 15 Jahren leitet die Bützbergerin das Langenthaler Ferienheim in Dürrenroth
„Ich habe zwanzig Kinder“, antwortet die Köchin jeweils, wenn sie eine Landschulklasse nach ihrem Nachwuchs fragt. Erika Jenzer ist die Mutter des Ferienheims Oberwald – und all jener, die sie darin bewirtet.
„In diesem Haus wohnt die Energie der Kinder!“ Erika Jenzer schließt die Augen und atmet tief ein, als möchte sie die kalte Luft, die aus der Küche strömt, für immer in sich behalten. Die Bützbergerin tritt von der Küchentür weg und macht zwei Schritte nach rechts. „Hier, genau hier ist mein Lieblingsplatz“, erklärt sie und steht vor der weißen Hauswand. An dieser Stelle befindet sich im Sommer ihre Holzbank, auf der sie jeweils am Morgen sitzt und die Sonne ihre Füße bräunen lässt, sodass sich bis im Herbst unter den Lederriemen der Birkenstöcke zwei weiße Streifen bilden. Dazu trinkt sie ihren Kaffee und liest den Blick, blinzelt ab und zu auf die leuchtende Alpenkette und lauscht den Kinderstimmen, die aus dem Aufenthaltsraum, vom Morgentisch, nach draußen dringen.
Vom Service an den Herd
Dieses Morgenritual macht Erika Jenzer, wenn es das Wetter zulässt, jeden Morgen, um acht Uhr. Von April bis Oktober, seit 15 Jahren. Solange leitet die heute 48-Jährige das Ferienheim Oberwald. Sie pflegt das Haus, putzt und wäscht, vor allem aber verwöhnt sie ihre Gäste – Schüler und Lehrer, Sportler und Urlauber – mit ihren Kochkünsten. „Wo ich zu Beginn gar nicht kochen konnte“, sagt sie und lacht. Doch die Frau, die jeden Juli ( dieses Jahr am 15.Juli ) einen Brunch mit Rösti, heisser Hamme, selbst gemachter Züpfe und zwei verschiedenen Broten für 200 Personen zubereitet, meint es ernst: „Früher stand ich nie in der Küche.“
Früher, das war, als Erika Jenzer noch als Lebensmittelverkäuferin und dann während vieler Jahre im Service arbeitete. Dann, 1992, spürte sie plötzlich, dass sie eine Veränderung brauchte. Und zum selben Zeitpunkt suchte Peter Baumgartner, der damalige Präsident der Stiftung Oberwald, nach einer neuen Leitkraft für das Ferienheim in Dürrenroth. „Als er mir von der freien Stelle erzählte, dachte ich zuerst nicht im Traum daran, dass das etwas für mich sein könnte“, erinnerst sich die Katzenliebhaberin, die in Bützberg aufwuchs und noch heute dort lebt.
In den Genen
Sehr schnell begann sich dieser Traum dann jedoch abzuzeichnen und noch bevor er eine konkrete Gestalt angenommen hatte, war er Wirklichkeit. „Plötzlich stand ich in dieser Küche und sollte für eine ganze Schulklasse Kartoffelstock machen.“ Dabei hatte sie das Glück, dass ihre Mutter, eine Österreicherin, wie auch schon ihre Grossmutter Köchin war. Ein Telefon reichte jeweils, dass die Spargelsuppe doch noch cremig und der verbrannte Risotto wieder genießbar wurde.
Heute ist Erika Jenzer nicht nur eine passionierte Köchin, sie ist „die beste Köchin der Welt“. Zahlreiche Urkunden und Bilder an den Wänden des Aufenthaltsraumes im Ferienheim Oberwald, bunte Einträge im Gästebuch und gar Mobile aus goldenen Kochkellen verleihen ihr diesen Titel hundertfach. Sie könne besser kochen als die Italiener, schreibt eine Schulklasse aus ihren Ferien im Nachbarsland. „Am schönsten ist es, wenn mich ehemalige Lagergäste auf der Strasse ansprechen und fragen: ‚Hallo Erika, kennst du mich noch?’ Dann schaue ich in die Gesichter dieser erwachsenen Leute und bin unendlich glücklich.“
Briefe voller Erinnerungen
In einer grossen Schublade in der Küche bewahrt die „Profi-Köchin“ alle Briefe von Schülern auf: „Liebe Erika“, schreiben sieben Neuntklässler, „wir müssen dir kurz etwas beichten: Wir waren so durstig nach der Disco, da haben wir aus dem Keller fünf Biere entführt. Herr Christen weiss nichts davon und wir wären froh, wenn er es nie erfahren würde. Bitte sag ihm nichts.“ Erika Jenzer lacht. „Am Abreisetag kam ein Mädchen nach draussen, setzte sich zu mir auf die Bank und gab mir diesen Brief.“ Die ledige Frau nahm den Brief, gab dem Mädchen den „Unkostenbeitrag“ im Brief zurück und schwieg.
„Sie ist die gute Fee im Oberwald“, sagt Armin Flükiger, Präsident der Stiftung Oberwald und Schulleiter des Kreuzfeldes I. Das ganze Jahr über würden sich die Schüler auf die Landschulwoche freuen – doch nicht nur sie: Im Winter schlägt Erika Jenzers Herz zwar für das Eishockey, den SCB; daneben jobt sie meistens temporär und nimmt gerne an Jassmeisterschaften teil. Trotzdem, am meisten freut auch sie sich in dieser Zeit auf den Frühling, auf das Ferienheim, auf ihre Kinder. „Ich liebe die direkte Art, mit der mich die Kinder jung halten.“
Frühlingserwachen
Noch weilt das Ferienheim Oberwald im Winterschlaf. Die Holzbank ist im Keller, die Fensterläden sind geschlossen. Nicht mehr lange. Mitte Monat beginnt Erika Jenzer mit dem Frühlingsputz, anfangs April erwartet sie bereits die ersten Gäste. Dann wird aus der kalten Küche wieder der Duft nach selbst gemachten Spätzli, der Hausspezialität, strömen. Die Schüler werden während dem Abwaschen laute Musik hören dürfen und danach einen Chupa Chups erhalten. Und die beste Köchin der Welt wird die „Energie der Kinder“ tief in sich auftanken.
Das Langenthaler Ferienheim wird 100
Am äussersten Zipfel der Gemeinde Dürrenroth, zwischen den Dörfern Dürrenroth und Wyssachen, liegt das Ferienheim Oberwald. Das Haus wurde 1908 als Ferienheim erbaut. An der Finanzierung des Neubaus beteiligte sich auch der „Ferienversorgungsverein Langenthal“ – mit dem Ziel, erholungsbedürftigen Kindern im Oberwald Ferien zu ermöglichen. 1917 erwarb der Verein das Haus zu diesem Zweck für 20000 Franken.
Seither dient die einstige Gaststätte als Unterkunft für Sport- und Schülerlager und wird hauptsächlich von Langenthaler Schulen für Landschulwochen benützt. In den achtziger Jahren wurde das Haus umfangreich renoviert. Das Ferienheim mit 31 Betten steht von April bis Oktober Gruppen ab zehn Personen offen und wird heute von der Stiftung Oberwald betrieben. Nächstes Jahr soll mit einem grossen Fest das 100-jährige Bestehen des Hauses gefeiert werden.
